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Thom tanzt Techno: Atoms for Peace im Berghain

Thom Yorke, seines Zeichens Sänger von Radiohead, zählt für mich zu den beeindruckendsten Künstlern, die ich je kennengelernt habe. Seine geballte Kreativität überrascht mich immer und immer wieder. Gepaart mit einer Radikalität, die vor allem eine beständige Neugier offenbart. Nicht umsonst waren Radiohead die erste „große“ Band, die das „zahl für meine CD so viel wie Du willst“-Verfahren angewendet, die ihre Tourneen komplett selbst organisiert haben und schliesslich bei einem kleinen Indie-Label unter Vertrag gegangen sind. Gleichzeitig werfen die Mannen um Thom regelmäßig ohne Vorwarnung neue CDs auf den Markt oder widmen sich konsequent ihren eigenen Projekten. So hatte Yorke 2006 seine Solo-Platte ‚The Eraser‘ veröffentlicht, auf der er noch elektronischer agierte als auf den CDs mit seinen Bandkollegen. Um die Songs dieser CD auch live umzusetzen, scharte er in der Folgezeit eine kleine Band um sich, die aus Nigel Godrich (Produzent und quasi sechstes Bandmitglied von Radiohead), Flea (Red Hot Chili Peppers), Joey Waronker (REM) und Mauro Refosco besteht. Aus der Live-Zusammenarbeit ergab sich quasi nebenbei Material für eine eigene CD. ‚Amok‘ ist vor zwei Wochen erschienen und die Band hat sich den Namen ‚Atoms for Peace‘ gegeben, benannt nach einem Track auf Yorkes ‚The Eraser‘-CD, der wiederum den Titel von Eisenhowers berühmter Rede zur friedlichen Nutzung der Atomkraft aufgenommen hat.

Am Freitag nun wurde Amok in Berlin vorgestellt, als Teil einer dreiteiligen Mini-Tour, bei der aber nur Nigel Godrich und Thom Yorke dabei waren. Als Ort hatten sie sich das Berghain ausgesucht und pünktlich um Mitternacht legten die beiden los. Nigel verbarg sich dabei hinter seinem Laptop, während Thom regelmässig zwischen Bassgitarre, Mikrofon und eigenem Laptop hin- und hersauste. Neben den von Nigel gestalteten Visuals, die auf drei Leinwände projeziert wurden, stach wieder einmal Thoms eigenwillige Stimme besonders hervor. Dazu kreierte Nigel deutlichere längere Versionen der auf der CD enthaltenen Songs. Ambient-Sounds wechselten sich mit stampfenden Beats, flirrenden Versatzstücken und Thoms Bass-Spiel ab. Und während der Auftakt mit dem Song ‚Ingenue‘ vom Berliner Publikum noch etwas verhalten aufgenommen wurde, gab es bei ‚Black Swan‘ aus dem Eraser-Album bereits lauten Jubel. Und so steigerten sich die beiden Stück für Stück in einen Rausch hinein. Über 100 Minuten zelebrierten sie die Songs von Amok und mischten mit ‚The Eraser‘ und ‚Atoms for Peace‘ noch zwei weitere alte Songs ein. Die Spielfreude war ihnen dabei merklich anzusehen und macht richtig Lust auf ihre Live-Shows im Sommer, wenn sie tatsächlich mit der ganzen Band anrücken werden.

Nach der Vorstellung der Songs war übrigens noch lange nicht Schluss. Thom hatte offenbar so viel Lust am Musik machen, dass er es sich nicht nehmen liess noch weitere Stunden aufzulegen. Er überraschte dabei mit teilweise sehr harten Rave- und Drum and Bass-Sounds. So nahbar wie an diesem Abend auf seiner DJ-Kanzel erschien er schon lange nicht mehr. Auch Thom will manchmal offenbar einfach nur tanzen.

Alle Infos zur Band, dem neuen Album und zur Sommer-Tour auf der offiziellen Webseite: http://atomsforpeace.info/

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