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Sprachlos

Lange war es still auf diesen Seiten und noch immer überlege ich, ob ich hier – oder an anderen Orten – überhaupt weiter schreiben will. Der Titel dieses Blogposts sagt es bereits: ich bin sprachlos. Nicht sprachlos im Sinne einer Schreibsperre oder fehlender Ideen. Sprachlos, weil sich die Welt um mich herum im letzten Jahr auf eine Art und Weise gewandelt hat, die ich tatsächlich so nicht für möglich gehalten habe. Vielleicht war ich naiv, vielleicht war ich unvorsichtig oder obrigkeitsgläubig. Ich weiss es nicht und auch das macht mich sprachlos. Und die Tatsache, dass ich mir ernsthaft überlege, ob ich diese Zeilen schreibe, weil sie Konsequenzen haben werden, macht das ganze nicht besser.

Von vorn: Aus der Idee, dass ich in einer freien und demokratischen Gesellschaft lebe (mit all ihren Macken, Einschränkungen etc.), hat sich stattdessen eine hässliche Fratze von Totalüberwachung entwickelt. Hier in Deutschland werden hierzu dann Vergleiche zu totalitären Systemen herangezogen: Naziherrschaft und Stasi lauten die Schlagwörter. Aber ehrlich gesagt zwingt sich mir der Verdacht auf, dass es alles noch viel schlimmer ist.

Was ich damit meine: der Staat, der aus von mir und uns gewählten Vertretern besteht, greift jederzeit in meine (natürlich grundrechtlich gesicherte) persönliche Freiheit der Selbstbestimmung ein. Und in Deine auch. Für mich macht es an dieser Stelle Sinn einen alten Text zu zitieren, einen Text aus dem Jahre 1949: „Der Teleschirm war Sende- und Empfangsgerät zugleich. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das über ein gedämpftes Flüstern hinausging, würde registriert werden. Man konnte natürlich nie wissen, ob man im Augenblick gerade beobachtet wurde oder nicht. Wie oft und nach welchem System sich die Gedankenpolizei in jede Privatleitung einschaltete, darüber ließ sich bloß spekulieren. Es war sogar denkbar, daß sie ständig alle beobachtete. Sie konnte sich jederzeit in jede Leitung einschalten.“ George Orwell natürlich. 1984. Ein Buch, welches als Dystopie  oder Anti-Utopie begriffen wurde. Doch dieses Schreckensszenario ist Realität. Und das macht mich sprachlos.

Übertragen wir das mal kurz auf unser – mein – tägliches Leben. Der Computer an dem ich gerade schreibe kann (oder ist) genauso wie mein Rechner im Büro Sender und Empfänger. Er ist im Orwellschen Sinne der Teleschirm. Und zwar nicht weil mir vielleicht über das Internet Schadsoftware aufgespielt wurde. Nein, weil er ab Werk so manipuliert worden ist, dass der Staat jederzeit mithören und -sehen kann. Jeder Tastenanschlag kann protokolliert werden, jede aufgerufene Internetseite ebenso, auch welche Dokumente ich verfasse. Nebenher kann mir dabei zugesehen werden wie ich in der Nase bohre – und zwar ohne das das Webcam-Lämpchen leuchtet. Und was ich dabei sage oder höre, ist auch bekannt.

Doch die Technik hat sich weiterentwickelt: der von Orwell erdachte Teleschirm war unbeweglich, man konnte sich vor ihm verstecken. Heute haben wir ihn in unserer Tasche. Das Smartphone begleitet uns überall hin und ist damit die perfekte Wanze, die zeitgleich noch jederzeit weiß wo ich mich befinde. Ob im Restaurant oder im Schlafzimmer, der Staat kann mithören. Und er tut es. Und er protokolliert. Und er bewahrt auf. Damit – im Falle eines Falles, man weiß ja nie – im rechten Moment die passende Information hervorgeholt werden kann. Konkreter? Damit mir – weil ich gerade in Hamburg auf der Reeperbahn unterwegs bin – von der Polizei ein Platzverbot für die halbe Hamburger Innenstadt ausgesprochen werden kann. Grund? Weil ich dort bin und gestern auf Facebook einen Artikel über Polizeigewalt verlinkt habe, ich privat einen Kommentar auf meinem Computer dazu verfasst habe oder bei mir zu Hause im Wohnzimmer mit Freunden darüber gesprochen haben. Utopie? Nein! Zumindest in den USA scheint vergleichbares Vorgehen inzwischen Routine zu sein, vgl. hier oder hier.

Der Schritt bis zu einem gleichen Verhalten in Deutschland ist nicht mehr weit. Alleine schon deshalb, weil es bis heute kein Dementi bezüglich vergleichbarer Abhörpraxis von Seiten der Bundesregierung gegeben hat. Es ist nahezu sicher, dass der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) genauso agiert wie die amerikanische NSA. Und die von uns gewählten Volksvertreter? Schweigen in großer Mehrheit. Die Regierung sagt lieber gar nichts zu dem Thema. Das Ende der persönlichen Freiheit? Na und!

Das macht mich sprachlos. Genauso wie es mich sprachlos macht, dass wir als Volk das alles über uns einfach so ergehen lassen. Weil wir uns vielleicht komplett machtlos fühlen? Weil wie glauben, dass man sowieso nichts ändern kann? Weil doch irgendwie eh alle betroffen sind. Ja, vermutlich. Weil ich persönlich keinen Aufhänger finde, an dem ich ansetzen kann. Ein übermächtig erscheinender Gegner, mit dem sich niemand anlegen will. Angst. Angst vor noch weniger Freiheit. Angst vor spürbar weniger Freiheit. Bisher wirkt das alles abstrakt. Wie fühlt es sich an, wenn ich bemerke, dass das Abstrakte doch mich direkt betrifft? Jeden von uns?

Ich habe darauf keine Antwort. Aber der Status Quo fühlt sich täglich schlechter an.

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