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Das erste Mal: boxen

Am vergangenen Freitag habe ich zum ersten Mal einen Boxring betreten. Zusammen mit meinen Arbeitskollegen besuchten wir die Organisation Boxgirls in Kreuzberg. Gründerin und FU-Professorin Heather Cameron begrüßte uns in den Räumlichkeiten, die mir einen gehörigen Rückwärtsgang in meine Schulzeit bescherten. Kleine Umkleideräume, Gummifussboden, dieser typische Sporthallengeruch. Und habe ich mich nicht auch in der Schule das letzte Mal überhaupt geprügelt?

Heather zeigte uns in zwei kurzen Filmen was die Idee hinter den Boxgirls ist: Empowerment für Frauen, die über das Boxen ihre eigenen Stärken und ihre Widerstandsfähigkeit kennenlernen, um sich im Alltag besser behaupten zu können. Dafür gibt es neben Berlin noch Standorte in Kapstadt und Nairobi. Der Film aus Berlin stellte das Projekt ‚Sicher im Kiez‚ vor, welches an Schulen Workshops anbietet, die Kindern die Chance geben wollen ihr direktes soziales und urbanes Umfeld zu verändern. Insbesondere an Hand von Rollenspielen lernen die TeilnehmerInnen Verantwortung zu übernehmen und sich für ihre Interessen stark zu machen. Der zweite Film zeigte Aufnahmen aus dem Boxcamp in Nairobi und ist mir besonders deutlich in Erinnerung geblieben. In ihm gibt es eine kurze Interviewpassage mit Elizabeth Andiego, eine der ersten Frauen, die dort zu den Boxgirls stiess und die vor 5 Jahren sagte, dass es ihr Traum sei über das Boxen zu den Olympischen Spielen zu gelangen. Heather berichtete hinterher, dass Elizabeth tatsächlich im letzten Jahr bei den olympischen Spielen als Teilnehmerin in London dabei war – eine tolle Geschichte!

Nach der Einführung wurde es dann sportlich: aufwärmen mit Seilspringen. Und die Seile dort waren keine Taue, sondern aus Stahl. Also ordentlich gesprungen und sich dabei vom Rocky-Poster an der Wand motivieren lassen. Danach lernten wir bereits die Boxgrundhaltung und einen festen Stand. Denn weniger später war es soweit: Boxhandschuhe anziehen und sich einen Partner suchen. Und während mir vorher Gedanken wie ‚kann ich einfach so einen Menschen schlagen?‘ oder ‚hab ich nicht Angst vor der Aggressivität‘ durch den Kopf gegangen waren, schienen die nun wie weggeblasen. Ich freute mich darauf loszulegen. Dabei kam mir die Wortwahl durchaus sehr gelegen: wir suchten uns Partner, keine Gegner. Und wir lernten vor allem erst einmal uns selbst zu schützen und zu verteidigen. Die eigentlichen Schlagübungen bestanden dann auch aus intensiver Kommunikation mit dem jeweiligen Partner – und verdammt viel Konzentration.

Schon nach kurzer Zeit wurde jedem deutlich wie anstrengend boxen eigentlich ist. Arme hochhalten, ab und an die ungewohnte Führhand (für Rechtshänder die Linke) an den Gegenüber bringen, den Partner beständig und hochkonzentriert beobachten und schnell reagieren. Für mich wurde dadurch vielmehr ein Miteinander als ein Gegeneinander mit dem Partner geschaffen. Sehr spannend!

Zum Abschluss durften wir uns alle noch einmal am Boxsack austoben. Und man staunt wie verdammt anstrengend es ist 30 Sekunden intensiv und in schneller Abfolge auf den Sack einzudreschen. Ein Glück waren die Anderen zum Anfeuern da. Insgesamt eine sehr spannende Erfahrung. Boxen ist eben nicht willenlos Agression rauslassen, sondern durchaus gezielt und gesteuert Dampf ablassen. Zudem lernt man wieder einmal seinen eigenen Körper sehr genau wahr zu nehmen und auch auf die Reaktionen anderer zu achten.

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