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Arsenal – Bayern München: Vorbericht

Am Dienstag trifft mein Lieblingsverein Arsenal im Achtelfinale der Champions League auf Bayern München. Diesem Aufeinandertreffen fiebere ich entsprechend schon eine Weile entgegen. Doch wenn ich über dieses Spiel rede, lautet die erste Frage eigentlich immer: „Wieso bist Du denn Arsenal-Fan“? Während es ansonsten in weiten Teilen Deutschlands en vogue ist gegen die Bayern zu sein, gilt dies auf internationaler Ebene nicht. Da „muss“ man für den jeweiligen deutschen Club sein. Natürlich nicht aus nationalistischen Gründen, sondern wegen dem UEFA-Quotient, der den deutschen Clubs die Plätze in der nächsten Champions-League-Saison sichert (aha).

Aber nein, Entschuldigung, das alles zieht bei mir nicht. Ich bin seit 2005 Arsenal-Fan, seit 2007 Vereinsmitglied. Ich habe Trikot und Schal und nur wegen diesem Verein das arschteure Sky abonniert. Schuld daran ist mein Kumpel Michi, den ich 2005 über einen anderen Bekannten kennenlernte. Michi hat einige Zeit in London gelebt und war dort zum Arsenal-Fan geworden. Ich selbst habe Fussball immer gemocht, bin in Hamburg aber nie zum Fan geworden. Meine Großeltern und Eltern waren HSV-Fans, nahmen mich aber nur einmal mit ins scheussliche Volksparkstadion. Ich wurde nie warm mit blauweiss. Besser lief es mit dem FC St. Pauli, ich war viel im Stadion am Millerntor, erlebte Auf- und Abstiege und immer eine grandiose Atmosphäre. Nur leider konnten die Jungs in braun einfach keinen schönen Fussball spielen. Wie in der gesamten ersten und zweiten Bundesliga wurde in den 80er und 90er Jahren vor allem destruktiv geholzt. Fussball verschwand weitestgehend aus meinem Interessenshorizont. Als ich Michi kennenlernte und er von Arsenal zu erzählen begann, war ich mithin nur mäßig interessiert. Doch er hatte ein entscheidendes Argumente: die Spiele liefen nur im Pay-TV, meist bei englischen Sendern, und so musste er sich selbige in den Pubs Berlins ansehen. Und als alter Guinness-Liebhaber war das eigentlich ein gutes Argument: entspanntes, gutes Bier in netter Atmosphäre am Samstagmittag oder nachmittag. So begann ich Woche für Woche in den Pub zu gehen, Guinness zu trinken und ’nebenbei‘ Arsenal zu schauen. Und was da lief, gefiel mir. Ein schnelles, offensives Spiel, der Ball ging immer nach vorne, Rückpässe quasi bei Strafe verboten. Das war ein ganz anderer Fussball als damals in deutschen Stadien zu sehen war (inzwischen ist das zum Glück ganz anders!).

Und was für Namen da auf dem Platz standen: Thierry Henry, Dennis Bergkamp, Freddy Ljungberg, Gilberto Silva, Mathieu Flamini… Ein Dreamteam, welches Fussball auf höchstem Niveau zelebrierte. Auch wenn sie es in der Saison nur auf Platz 4 der englischen Premiere League schafften, so erreichten sie doch das Champions League-Finale gegen Barcelona. Doch nach 18 Minuten war der Traum vorbei. Der herausstürmende Jens Lehmann faulte Samuel Eto’o und sah rot. Und trotzdem ging Arsenal in Führung und verlor nur knapp mit 2:1. Trotz der Niederlage war mir spätestens damals klar: ich war plötzlich Arsenal-Fan. Und zwar nicht nur ein bisschen.

Seither habe ich viele tolle Spiele gesehen, mir die Seele aus dem Hals geschrien, gejubelt und auch verdammt viel gelitten. Gerade in den letzten Jahren hat der Verein viele seiner besten Spieler gehen lassen müssen. Thiery Henry ging in den Ruhestand, Fabregas und Nasri wurden ebenso wie die Super-Stürmer Adebayor und van Persie verkauft. Arsenal konnte (und wollte) in den letzten Jahren finanziell nicht mit den ganz großen aus Manchester oder vom Lokalrivalen Chelsea mithalten. Stattdessen hat Trainer Arsene Wenger versucht gezielt gutes mittelteures Personal einzukaufen – und sich dabei so manches Mal furchtbar verhoben. Gleichzeitig hat der Club begonnen gezielt britische Talente aufzubauen und einzukaufen. Und ganz langsam scheint dieses Konzept aufzugehen. Auch wenn die diesjährige Saison alles andere als optimal läuft, hege ich erstmals wieder etwas mehr (Zweck-)Optimismus. Und das soll schon was heissen, denn seit ich Arsenal-Fan bin, hat die Mannschaft rein gar nichts gewonnen. Weder einen Pokal, noch die Meisterschaft. Die letzte echte Chance auf Silber ging an diesem Wochenende verloren als Arsenal gegen den Zweitligisten Blackburn Rovers im Pokal extrem lustlos aufspielte und 1:0 verlor. 2011 waren wir das letzte Mal nahe dran an einem Titelgewinn. Im Finale des Carling Cups gegen den Zweitligisten Birmingham. Gebannt verfolgte ich das Spiel in einem Pub in Reykjavik, wo wir gerade auf Urlaub waren. Und eigentlich richteten sich alle nach einem 1:1 schon auf die Verlängerung ein, als in der 89. Minute ein Missverständnis zwischen unserem Torhüter Wojciech Szczesny und Verteidiger Laurent Koscielny für den Verlust des Spieles sorgten.

Beide sind auch heute noch aktiv und vermutlich in der (Start-)Elf gegen die Bayern am Dienstag zu finden. Ich vermute Wenger wird die folgende Aufstellung wählen:

Szczesny (Torwart): der polnische Nationaltorwart ist inzwischen eine feste Bank, der immer wieder mit überragenden Reflexen agiert. Hat aber Probleme bei hohen Bällen und erlaubt sich immer mal wieder völlig unverständliche Aussetzer (vgl. Carling Cup Finale).

Sagna (rechter Verteidiger): zuverlässig, schnell, angriffsstark. Französischer Nationalspieler, der bereits seit 2007 bei Arsenal spielt und mithin zum ‚alten Eisen‘ gehört. Kennt Ribéry und er ihn. Dürfte ein spannendes Duell werden.

Mertesacker (Innenverteidiger): Der gute Merte hat sich inzwischen an das schnelle Spiel der Premiere League gewöhnt. Wie auch im Nationaldress ist er ein super Ausputzer und jemand, der das Spiel sehr genau lesen kann. Leider oftmals zu langsam und trotz seiner Größe in der Luft schwach.

Vermaelen (Innenverteidiger): Der belgische Nationalspieler und derzeitige Arsenal-Kapitän hat eine schwache Saison. Im letzten Jahr noch Garant für grandiose Abwehrleistungen, baut er diese Saison einen Bock nach dem nächsten.

Koscielny (linker Verteidiger): Nach dem Ausfall des angestammten Linksverteidigers Gibbs, kaufte Wenger kurzfristig in der Wintertransferperiode den Spanier Nacho Monreal. Selbiger ist aber in der Champions League nicht spielberechtigt. Auf dieser Position wird daher der Franzose Koscielny spielen, der durch die Nationalmannschaft ebenfalls Ribéry gut einschätzen kann, aber eigentlich Innenverteidiger ist. Zudem ist er angeschlagen und es ist unsicher, ob er spielen kann. Dann müsste Wenger ggf. die komplette Abwehr umbauen. Sagna und Mertesacker würden dann innen spielen und Vermaelen nach links ausweichen. Rechts würde dann Carl Jenkinson zum Einsatz kommen. Der junge Engländer hat zu Beginn der Saison bereits einige eindrucksvolle Leistungen abgeliefert, ist nach Sagna’s Genesung aber wieder auf die Ersatzbank beordert worden. Noch fehlt ihm die nötige Erfahrung.

Arteta (Mittelfeld): Der Spanier mit der Fönfrisur (sitzt immer) ist der passstärkste Arsenal-Spieler. Er dirigiert die Schnittstelle zwischen Abwehr und Angriff und bleibt auf den ersten Blick meist unauffällig, seine Statistiken sind dafür umso beeindruckender. Meist über 85% seiner Pässe kommen an.

Wilshere (Mittelfeld): Der erst 21jährige Wilshere gilt bereits heute als eines der größten Mittelfeld-Talente der Welt. Und wer ihn spielen sieht, weiss warum. Er ist zudem der geheime Arsenal-Kapitän, staucht seine Leute zusammen und feuert sie an. Meist nur durch Fouls zu stoppen, bisher leider noch ausbaufähig im Abschluss. Ansonsten: Zucker.

Cazorla (Mittelfeld): Der Spanier ist im letzten Sommer gemeinsam mit Poldi zu Arsenal gekommen. Er steuert das vordere Mittelfeld und hat zudem einen sehr guten Schuss. Auch taktisch extrem geschult und flexibel in der Raumgestaltung. In den letzten Wochen aber zunehmend müder, dennoch ein Schlüsselspieler.

Walcott (Rechtsaußen): Flügelläufer, Außenstürmer? Vielleicht beides. Walcott ist vor allem eines: extrem schnell. Alaba wird aufpassen müssen, dass Walcott ihm nicht entwischt, denn Tore schiessen kann der auch noch.

Podolski (Linksaußen): Auch bei Arsenal ist weiterhin unklar in genau welcher Position Poldi eigentlich spielt. Mal weit außen, mal mit viel Zug zum Tor. Auf jeden Fall hat Podolski bei Arsenal vor allem eines gelernt: Abwehr. Vorne macht er weiterhin Tore, schlägt Flanken, aber genauso arbeitet er inzwischen nach hinten.

Giroud (Mittelstürmer): der französische Nationalspieler kam gemeinsam mit Poldi und Carzola im letzten Sommer zu Arsenal. Inzwischen ist er zum erfolgreichsten Torschützen geworden und kann sich insbesondere bei hohen Bällen und direkt im Strafraum behaupten. Hat aber Probleme bei enger Deckung.

Und wie werden sich diese 11 nun gegen die Bayern schlagen? Meiner Meinung nach können sich die Bayern aktuell nur selbst schlagen. Das kam am Freitag beim Spiel gegen Wolfsburg schon etwas durch: manchmal zu ballverliebt, zu selbstbezogen und dadurch fast zu arrogant machten sich die Münchner das Leben selbst schwer. Sollten sie gegen Arsenal ähnlich auftreten, könnte ihnen das zumindest im Hinspiel in London um die Ohren fliegen. Dann nämlich könnten sie dem beständigen Druck über beide Flügel und dem starken Mittelfeld unterliegen und zu Fehlern gezwungen werden. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Bayern selbst das Spiel in die Hand nehmen werden und dabei insbesondere den beiden Innenverteidigern ordentlich Probleme bereit werden. Dort liegt der Schlüssel für die Münchner. Mein Tipp fürs Hinspiel: Unentschieden. Wie ich schon sagte: ich bin (Zweck-)Optimist. Come on you Gunners!

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