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Äthiopien: eine ganz andere Reise

Mitte April war ich im Rahmen meiner Arbeit für eine Woche in Äthiopien, um mir Projekte der Organisation Viva con Agua* anzusehen. Da es sich um eine ganz andere Reise, als die die man aus Urlaubszwecken macht, gehandelt hat, habe ich dazu ein paar Eindrücke aufgeschrieben:

Noch drei Minuten bis zur Landung. Aus dem Kabinenfenster unseres Flugzeugs ist nur tiefschwarze Nacht zu sehen. Der Pilot fliegt eine letzte Linkskurve und plötzlich taucht direkt unter uns ein gigantisches Lichtermeer auf: Addis Abeba, die Hauptstadt Äthiopiens, mit ihren sechs Millionen Einwohnern. Kurze Zeit später setzt das Flugzeug auf der Landepiste auf. Wir befinden uns 2400m über dem Meeresspiegel. Eine Tatsache, die mir am folgenden Tag noch zum Verhängnis werden soll.

Am nächsten Morgen brennt die Sonne auf unsere 12-köpfige Reisegruppe herab. Die Luft ist staubig, denn Addis präsentiert sich uns als eine riesige Baustelle. Überall wird gehämmert, gebohrt und gezimmert. Büros und Wohnhäuser schießen in die Höhe. In einer ruhigeren Seitenstraße, unweit des Flughafens, befindet sich das Büro der Welthungerhilfe, dem Projektpartner der Organisation Viva con Agua. Die Hamburger Initiative setzt sich für sauberes Trinkwasser und sanitäre Grundversorgung in Entwicklungsländern ein und hat uns zu einer siebentägigen Projektreise durch die Amhara-Region in Äthiopien eingeladen*. In den folgenden Tagen werden wir drei sehr unterschiedliche Projektorte besuchen.

laufDoch nun geht es erst einmal wieder raus auf die Straßen von Addis zu einer nahe gelegenen Schule. Dort erwarten uns bereits 30 sportbegeisterte Jungen und Mädchen. Gemeinsam mit Ihnen sammeln wir im Rahmen eines Spendenlaufs Gelder für den Projektort Bahir Dar. Viele meiner Freunde haben gespendet, um mich zu vielen Runden um die Schule anzuspornen. Und obwohl die Runden kaum mehr als 400 m lang sind, geht mir nach fünf Runden die Puste aus. Die Höhenluft macht sich bemerkbar. Die Fittesten unter uns halten acht Runden durch. Die SchülerInnen hingegen legen zum Ende noch einige Sprints hin. Doch dabei sein ist fast alles, und über 700 € für das Projekt sind eine tolle Sache.

Der nächste Tag beginnt um 7:00 Uhr. Der Bus, der uns abholt, wird unser Zuhause für die kommenden Tage sein. Über hohe Gebirgspässe geht es fast 350 km gen Norden bis in die 75.000 Einwohner zählende Stadt Kombolcha. Für die eigentlich überschaubare Distanz benötigen wir fast 9 Stunden. Nicht etwa schlechte Straßen oder die immer wieder grandiosen Ausblicke sind hierfür die Ursache, sondern vielmehr das bunte Treiben direkt auf den Hauptstraßen. Ganz Äthiopien scheint zu Fuß unterwegs zu sein, und weder Mensch noch Tier lassen sich vom ewigen Hupen unseres Busses beeindrucken. Am Ende des Tages finden sich zwei neue Kerben im Lenkrad unseres hervorragenden Busfahrers. Ein Hund und ein Maultier wichen nicht rechtzeitig aus. Wir hingegen sind überwältigt von der abwechslungsreichen Landschaft, den geschäftigen Märkten und den überall zu sehenden Menschen, die schwere Wasserkanister von dreckigen Flüssen in ihr Zuhause tragen.

reservoir

Über staubige Pisten geht es am folgenden Morgen in das Dorf Kutaber, in dem inzwischen fast 15.000 Menschen wohnen. Hier wurde mit Unterstützung von Viva con Aqua ein Brunnen gebohrt, ein Wasserreservoir angelegt, ein Pumpenhaus errichtet und zahlreiche Wasserleitungen ins Dorf gelegt. Hiervon profitieren nicht nur die Dorfbewohner, die vielfach nun erstmals einen Wasseranschluss im Haus haben, sondern auch die Bauern des Umlandes, die ihr Vieh tränken und die Äcker bewässern können. Doch auch hier ist Wasser natürlich nicht umsonst. Vielmehr muss für jede Entnahme bezahlt werden. Das Wasserkomitee, welches von der Dorfgemeinschaft gewählt wird, legt die Preise fest und entscheidet, was mit den Einnahmen passieren soll. So wurde unter anderem eine Art Solidarfund aufgelegt, so dass besonders arme Einwohner des Dorfes vorübergehend kostenlos Wasser beziehen können. Die Einnahmen werden aber auch genutzt, um das bestehende System zu warten und gegebenenfalls notwendige Reparaturen durchzuführen.
Neben der Trinkwasserversorgung hat Viva con Aqua gemeinsam mit ihren Projektpartnern Welthungerhilfe und äthiopischen Organisation ORDA auch zahlreiche Hygiene-Schulungen ermöglicht. Der Erfolg überrascht uns: Bei dem spontanen Besuch einer Bauernfamilie in deren spartanischen Hütten, finden wir eine sehr saubere Latrine mit Handwasch-Möglichkeit vor.

Doch so viel Fortschritt hat auch Nebenwirkungen. Das Dorf ist – auch aufgrund seiner Wasserversorgung – noch attraktiver für Zuzüge geworden. Dadurch ist das bestehende Wassersystem bereits wieder an seine Kapazitätsgrenzen gelangt. Das Wasserkomitee hat bei der lokalen Regierung einen Antrag zur Erweiterung der Leitungen und des Brunnens gestellt. Auch sie selbst wollen sich an der Finanzierung beteiligen und so für eine langfristige Verfügbarkeit der kostbaren Ressource sorgen.

“Früher mussten wir zum Wasserholen darüber klettern”, sagt Andreas, der Leiter des örtlichen Wasserkommitees, und zeigt auf den Berg hinter sich. “Das hat gut drei Stunden gedauert. Meistens haben Eltern ihre Kinder losgeschickt, die Kanister zu befüllen, während sie selbst auf den Feldern arbeiteten.” Doch jetzt stehen fast 100 Kinder neben ihm – mitten auf einem Schulhof.

Wasser und Hygiene sind ernste Themen, die regelmäßig auf dem Lehrplan der SchülerInnen stehen

Unsere Reise hat uns heute auf diesen Schulhof, in ein kleines Dorf rund 30 Kilometer außerhalb der Stadt Kobo geführt, zehn Auto-Stunden nördlich von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Es ist elf Uhr morgens und das Thermometer zeigt fast 30 Grad Celsius. Das Land um uns herum ist staubig und trocken. Doch vor drei Jahren begann hier eine kleines Wasser-Revolution. Mit Unterstützung von Viva con Agua wurde ein Brunnen gebohrt, ein Wasserreservoir oben auf dem Berg errichtet und fünf Wasserkioske eröffnet. An diesen Kiosken konnten die Dorfbewohner ihre Kanister direkt füllen – gegen ein kleines Entgelt. Aus den Erlösen wurde die Erweiterung des Wassernetzes finanziert: inzwischen hat fast jedes Haus im Dorfkern einen eigenen Wasseranschluss. Und auch eine öffentliche Viehtränke wurde eingeweiht, denn Viehzucht ist hier eine der Haupteinnahmequellen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Schüler deutlich an. Sechs Klassen der Grundschule sind heute bis auf die letzte Reihe gefüllt, gerade wird ein neues Schulgebäude errichtet. Natürlich verfügt auch die Schule über einen Wasseranschluss und über vier gepflegte Latrinen.

Vor dem Essen gehört Hände waschen dazu

“Wir achten auf Sauberkeit!”, erzählen uns wenig später begeistert zwei kleine Kinder. In jeder Klasse gibt es zwei WASH-Verantwortliche. WASH steht für Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene. Die Kinder achten darauf, dass ihre MitschülerInnen die Schule sauber halten, sich regelmäßig die Hände waschen und kein Wasser verschwenden. Zudem kommt allen Schülern eine wichtige Vermittlerrolle zu: Sie sollen das Gelernte auch zu ihren Eltern tragen, um so das Bewusstsein für Sauberkeit zu schärfen, denn noch immer erkranken viele Äthiopier an Krankheiten, die auf mangelnder Hygiene beruhen.
Wir sind beeindruckt von den Fortschritten, die das Wasser ins Dorf gebracht hat. Und auch vom Engagement der Menschen: Derzeit planen sie, aus ihren Erlösen aus dem Wasserverkauf und mit Unterstützung der Regionalregierung das Wassernetz so zu erweitern, dass auch die etwas außerhalb liegenden Hütten und Häuser angeschlossen werden können.

Das äthiopische Nationalgericht Injera wird geteilt

Als wir zum Dorfkern zurückkehren, erwartet uns eine Überraschung: Spontan werden Stühle unter den beiden großen Bäumen zusammengestellt und wir zu einem Picknick eingeladen. Die Dorfbewohner tragen Getränke und lokale Spezialitäten herbei, immer mehr Menschen gesellen sich dazu. Die immense Gastfreundschaft ist nicht nur ein Ausdruck der Dankbarkeit. Das kleine Fest zeigt vor allem, wie sauberes Trinkwasser Menschenleben aufblühen lässt.

Eben noch quälte sich unser Bus die Serpentinen steiler Berge hinab, nun plötzlich liegt in der Ferne eine große, glitzernde Fläche vor uns: der Tanasee. Äthiopiens größter See ist fast sieben Mal so groß wie der Bodensee, und an seiner Südspitze liegt die drittgrößte Stadt des Landes – Bahir Dar. Die Stadt präsentiert sich quirlig bei unserer Ankunft: Menschen flanieren am Ufer des Sees, sitzen auf den Terrassen der zahlreichen Restaurants und bevölkern die winzigen Bars und Musikclubs des kleinen Ausgeh-Viertels.

Am nächsten Morgen zeigen uns die Mitarbeiter der lokalen Organisation ORDA und der Welthungerhilfe dann eine ganz andere Seite der Stadt: Stinkende Slums, in denen uns die hygienischen Verhältnissen den Atem stocken lassen. Hunderte Menschen teilen sich dort zwei völlig verdreckte Latrinen und viel zu wenig Wasserhähne. Eine der Ursachen für diese schlimmen Zustände ist das extreme Wachstum der Stadt: In den letzten sechs Jahren hat sich die Bevölkerungszahl fast verdreifacht. Inzwischen leben rund 300.000 Menschen in Bahir Dar. Um möglichst vielen von ihnen Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu Latrinen und Abwassersystemen zu ermöglichen, wurde im vergangenen Jahr ein großangelegtes Programm gestartet. Finanziert von der Regionalregierung, der EU und Viva con Agua.

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Dass dieses Programm dringend notwendig ist, zeigt sich in frappierender Form ausgerechnet im städtischen Krankenhaus. Dort, wo eigentlich Menschen geheilt werden sollen, treffen wir auf schlimmste hygienische Bedingungen und ein überfordertes Management. Doch gleich daneben die ersten Zeichen der Verbesserung: Hinter den alten Latrinen für die Notaufnahme werden neue errichtet. Zudem eine Biogasanlage, die aus Abfällen Energie für die Krankenhausküche produziert.

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Auch an unseren nächsten Stationen sind erste Erfolge des Programmes sichtbar: ORDA-Mitarbeiter renovieren eine öffentliche Toillette, die bald wieder von den Menschen im Kiez selbst betrieben werden soll. In einem Vorort erweitern Bauarbeiter das bestehende Trinkwasser-System deutlich, um den steigenden Einwohnerzahlen gerecht zu werden. Und an einer Schule präsentieren uns Kinder ein Theaterstück, das über die Notwendigkeit von Hygiene und die Gefahren von Keimübertragungen aufklärt.
Das alles macht Mut angesichts der Vielzahl an Aufgaben, die hier noch von den Organisationen und der Regionalregierung zu bewältigen sind. Beim Gespräch mit dem zuständigen Verordneten für Stadtschönheit und Hygiene gibt dieser offen zu, dass es noch sehr viel zu tun gibt und er dankbar für die Unterstützung aus Europa ist. Gleichzeitig müssen wir uns eingestehen, dass wohl auch jede deutsche Kleinstadt komplett überfordert wäre, wenn deren Einwohnerzahl sich innerhalb kürzester Zeit verdreifachen würde.

tanasee

Als wir abends bei einem Feierabendbier wieder am Ufer des Tanasees sitzen und unsere Reise Revue passieren lassen, ist sich unsere Reisegruppe einig: Wir haben ein unglaublich abwechslungsreiches, faszinierendes und gastfreundliches Land kennengelernt, welches gewaltige Anstrengungen unternimmt, um die Lebensbedingungen im Land zu verbessern. Kritisch ist, dass  sich die Regierung dabei wenig um Menschenrechte wie Meinungs- oder Pressefreiheit schert. Die Menschen, die wir getroffen haben, berichteten uns trotzdem frei und ohne Scheu von ihren Eindrücken. Überall ist der Willen zu Veränderung und Aufbruch spürbar. Die Arbeit von Viva con Agua, der Welthungerhilfe und ihrer lokalen Partner hilft dabei die Veränderungen durch grundlegende Infrastrukturmaßnahmen im Bereich Trinkwasser und Hygiene zu beschleunigen. Davon konnten wir uns mehr als nur überzeugen. So bleibt der Eindruck: jeder von uns kann der Tropfen sein, der sauberes Wasser zum Fließen bringt!

* Die Reise wurde nicht von Viva con Agua bezahlt. Fotos: Klaus Klische und Björn Lampe

 

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